Ehrenamtliche Arbeit, oder „Volunteering“ (ボランティア, borantia), ist in meinen Augen eine weit verbreitete Sache hier drüben, kommt das Wort immerhin schon im ersten Buch von Minna no Nihongo vor (und es gibt beileibe wichtigere Vokabeln). Meines Erachtens sagt es schon ein wenig darüber aus, was in der japanischen Gesellschaft als wichtig angesehen wird.
Lange Rede, kurzer Sinn: Neben einigen Circles (AGs), die ehrenamtliche Tätigkeiten ausüben, gibt es an der Ferris auch das sogenannte „Volunteer Center“, in welchem interessierte Studentinnen in verschiedene Tätigkeiten eingebunden werden können. Das reicht von der Arbeit mit Kindern, Alten und körperlich / psychologisch Benachteiligten bis hin zu Migranten in entsprechenden Organisationen und Institutionen. Frauen- und Kinderrecht (halt allgemein Menschenrechte) spielen auch eine gewichtige Rolle. Seitdem ich davon weiß, wollte ich gerne etwas in die Richtung unternehmen, denn abgesehen davon, dass man etwas zur Gesellschaft beitragen kann, wächst man selber ja auch mit den Aufgaben und lernt eine Menge dazu.
Nun begab es sich, dass ich durch Zufall von einer Freundin gehört habe, dass sie zur Tee-Ernte-Volunteering geht, zu welcher sie mich eingeladen hat. Da sagt man doch nicht nein!
Das ganze fand in Hadano statt, in den Bergen, die ich von meinem Zimmerfenster sehen kann (wenn es nicht regnet, wie jetzt! Ich hab’s satt, dabei hat die Regenzeit noch gar nicht angefangen… ich will nicht ~_~! *ehem*). Hier nochmal die Karte zur Verdeutlichung:
Früh um 7:30 wurden wir, 5 Austauschstudentinnen, von einem Herrn abgeholt und sind dann gemeinsam nach Hadano gefahren … so war der Plan. Denn der Herr (nennen wir ihn Herr A.) kam mit einem Klein-PKW und wir waren mit Fahrer 6 Leute. Ja, genau. Nachdem wir ausgeknobelt haben, wer vorne sitzen darf (ich 8D), haben sich die anderen 4 Mädels in die hintere Sitzbank gequetscht und los ging’s. Ich fragte unterwegs noch, ob das denn in Japan erlaubt sei… also… dieser Zustand des… Überfüllt-seins 8D… Und Herr A. sagte lachend, dass es natürlich nicht erlaubt sei. Okaaaayyy~.
Nach 10min hörte man dann von hinten die Lautsprecher der Polizisten (joa, die haben hier Lautsprecher, mit denen sie Anweisungen an die Umgebung geben können): „Der grüne Wagen vorne, fahren Sie bitte an den Seitenstreifen“. Wir halten an, die B**len steigen aus und schlendern langsam auf uns zu. Da dachte ich mir: „Hm. Muss ein seltsames Bild abgeben… ein alter Mann mit 5 jungen, knackigen Mädels (LOL) im Auto“.
Während Herr A. befragt wurde und seine Papiere zeigte, durften wir auch alle aussteigen und unsere Namen wurden notiert (WARUM? Klar, waren wir irgendwo verdächtig… aber WARUM?). Wir wurden gefragt, ob wir irgendwelche offiziellen Papiere dabei hätten, auf denen unsere Namen stehen. Es kam der Polizistin auch viel später in den Sinn, nach unseren geilen Ausländer-Ausweisen zu fragen. Note: Erstmal Namen aufgeschrieben, dann aufgefallen: „Oh! Das sind ja Ausländer!“. Die Reihenfolge stinkt mir. Aber egal. Ich bin vielleicht etwas paranoid, was Polizisten und Kontrolle und so weiter angeht.
Am Ende sind dann zwei von uns mit der Bahn gefahren (haben wieder geknobelt), der Rest mit dem Auto weiter. Was für ein K*ck. Das ist Herrn A. wohl noch nie passiert (er hat wohl schon öfters solche Aktionen hinter sich… also in einem überfüllten Wagen unterwegs sein).
Vielleicht sollte ich erklären, wer Herr A. überhaupt ist. Er ist einer der Leiter der Organisation, die sich „地球チャイルド“ („Earth Child“) nennt. Der Name ist putzig, nech? Naja, die Orga veranstaltet regelmäßig Aktivitäten, um Kindern und Eltern das bäuerliche Leben und die Entstehung verschiedener Produkte näher zu bringen. An dem Tag war es halt die Produktion von Tee. Im Jahresablauf sehe ich noch Sachen wie die Käseherstellung, Reisanbau und -ernte, sogar die Herstellung von Wurst (im Februar nächstes Jahr, kriege ich wohl nicht mehr mit).
Naja, es war eine wunderbare Erfahrung! Wie es sich später herausgestellt hat, war es keine ehrenamtliche Tätigkeit ausschließlich zur Tee-Ernte, sondern wir waren Teil des Teams und sollten zum reibungslosen Ablauf der Veranstaltung beitragen. Denn es wurde nicht nur Tee geerntet (um genau zu sein dauerte die Ernte ganze 30 Minuten!). Das war mir nicht so ganz klar, ist mir auch leider erst in der zweiten Hälfte aufgefallen. Aber es gab auch kein Briefing vorher, also konnte ich ja auch nichts dafür :).
Naja, die Foddos!
Der kleine Teebetrieb befand sich wie gesagt in den Bergen Hadanos, weit weg von der großen Stadt. Es war wirklich wun.der.schön! Auch der Weg dorthin und die Aussicht war schon atemberaubend, mit viiieeeelen Serpentinen (ich habe eine Schwäche für Serpentinen).
Nach der Arbeit (30min können ganz schön reinhauen, vor allem wenn die Büsche so niedrig sind!!! Mein Rücken hat schon angefangen, sich zu beschweren) gab’s erstmal Mittagessen (war ja immerhin schon 12). Aus den Blättern haben wir o-cha-tempura gemacht… das war so lecker! Nur wenige Menschen hier haben sowas schonmal gegessen, geschweige denn davon gehört, da frische, genießbare Teeblätter nicht verkauft werden. Überhaupt gibt es die auch nur im Frühling, wenn die ersten jungen Triebe sprießen, denn nur diese werden zur Teeproduktion verwendet. Verrückt. Man muss sich mal vorstellen, dass man wirklich nur im Frühling Tee produzieren kann, dessen Erträge dann auch noch für das ganze Jahr reichen müssen. Kein Wunder, dass Tee hier so verdammt teuer ist.
Nun, von den tempura an sich habe ich keine Fotos, aber welche von der Zubereitung gefällig?
Das war so toll! Unter freiem Himmel mit einem genialen Ausblick auf die umliegenden Berge tempura machen, ganz ohne lästigem Ölgestank (ja, wer schonmal frittiert hat, müsste wissen, wovon ich spreche. Ein Spiegelei braten reicht bei mir auch schon, um in den Mecker-Modus zu gelangen).
Nach dem Essen gabs für einen Teil der Gruppe eine Besichtigung der Halle, in der die Teeblätter weiterverarbeitet wurden. Die Maschinen laufen nur einen Monat im ganzen Jahr, dafür aber auch rund um die Uhr.
Der andere Teil durfte wieder essen – und zwar nagashi-sômen, eine traditionelle Art, sômen (dünne Weizennudeln) zu essen! Auf Bambusbahnen werden kleine Portionen Nudeln in einem Wasserstrom nach unten gespült. Der Mensch sitzt dabei an diesen Bahnen und fängt die Nudeln mit den Stäbchen auf und dippt sie in mentsuyu… Auch das ist nicht immer machbar, besonders in der Natur mit frischem Bachwasser und selbstgebauter Bambusbahn:

Hinten der Mensch, der die Nudeln in die Bahn brachte

Stäbchen und Schüssel auch aus Bambus – alles selbstgemacht

Die waren echt cool! Weiß einer, wie die heißen?
Als die Gäste weg waren, gab es nur noch minimale Aufräumarbeiten und es ging auch schon wieder nach Hause. Die Leute von Earth Child waren wirklich unglaublich nett. Die nächste Aktion ist im Juni, bei der ich hoffentlich auch wieder dabei sein werde.












5 Kommentare
Mai 31, 2009 um 5:34
geil geil geil!
und das mit den sômen scheint doch eine geniale marktlücke im westen zu sein, das sollte bei diesen netten eventagenturen angeboten werden, bringt bestimmt reichlich kohle! man kann ja schließlich alles vermarkten.
Mai 31, 2009 um 5:58
@Su_ Hm, ich glaube, das ist keine so gute Idee. Man stelle sich vor: Vor den Bahnen eine Horde Leute mit knurrenden Mägen, die aufgrund mangelnder Handmotorik nicht zum essen kommen… So oder so ähnlich würde es aussehen, wenn sich 1) Europäer/Amerikaner mal benehmen würden (und nicht mit den Händen ins Wasser grapschen), 2) die Art und Weise, die Nudeln zu essen, „traditionell“ gehalten wird (also nicht mit Gabel)… Jaaa, lass mir die Verallgemeinerungen :)
Juni 1, 2009 um 3:38
Hellau,
was für ein Glück, dass du da im nächsten Jahr nicht mehr um Wurstmachen kommst… Wie eklig!
Aber mal im Ernst, dieses nagashi-sômen ist doch total umständlich… Was gibt es denn für einen Grund die Nudeln auf eine Rutschparty zu schicken? Weil sie dann fröhlich werden und besser schmecken? Oder weil sie vor Angst wie gelähmt sind und nicht schreien können?
Verrückt!
Oh… und eine halbe Stunde ernte ボランティア iss ja jetz auch nicht so viel Arbeit, oder?
Haben die Veranstalter denn was davon? Nuja, ausser nette Gesellschaft eben?
Juni 8, 2009 um 12:16
klingt wie ein geiler tag! :D
muss schon geil sein, als ausländer aufzufallen, menschenschmuggel im überfüllten auto und dann noch anschließende schwarzarbeit …
im moment streikt mein internet in DA… nächste woche müssen wa mal phonen.
hdl
Juni 11, 2009 um 12:25
@Basti_ Hahaha, ja, für mich muss das Wurstmachen auch nicht unbedingt sein, obwohl ich der Meinung bin, dass man das, was man isst, auch herstellen können sollte (sofern möglich ;)).
Mit den nagashi-sômen hast du schon recht. Vor allem (ich weiß nun nicht, wie lange sie für die Vorbereitung gebraucht haben), aber alles für eine Stunde Spaß ;) Ich denke allerdings, dass es eher dieses Erlebnis ist; dass man zusammenkommt und zusammen ein wenig mit Essen spielt ;) Ich mein, dasselbe könnte man sich bei Fondue oder so auch fragen! Warum am Tisch in Öl tauchen, wenn man das auch vorher alles gleichzeitig in einer Pfanne zubereiten kann? Oder Käsefondue – man könnte auch alles im Vorhinein im Ofen überbacken~
Zum Volunteering: Die Arbeit bestand darin, dem Earth-Child-Team bei der Betreuung der Gäste zu helfen – die Eltern, die mit ihren Kindern dort antanzten, um die Natur zu erleben, haben etwas dafür gezahlt. So muss man den Leuten auch etwas bieten ;) Hab ich wie gesagt auch erst recht spät gecheckt :)
@Yan_ Hach ja… man kam sich echt vor wie ein Krimineller!
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